Wenn das Kernsystem bleiben muss und wie Finanzdienstleister trotzdem modernisieren können

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein bestehendes Kernsystem muss nicht automatisch komplett ersetzt werden, nur weil neue Anforderungen dazukommen.
  • Oft reicht es, einzelne Funktionen, Prozesse oder Schnittstellen gezielt ausserhalb des Kernsystems neu aufzubauen.
  • Vor einer Modernisierung sollte klar sein, wo das eigentliche Problem liegt und welche Systeme und Daten davon betroffen sind.
  • Gerade bei Finanzdienstleistern lohnt sich häufig eine schrittweise Modernisierung statt eines kompletten Neustarts.
  • Entscheidend ist nicht die Frage «alt oder neu?», sondern welche Aufgabe künftig von welchem System übernommen werden soll.

Viele Finanzdienstleister arbeiten mit Kernsystemen, die seit Jahren zuverlässig funktionieren. Schwieriger wird es, wenn neue Portale, Schnittstellen oder regulatorische Anforderungen dazukommen. Dann stellt sich die Frage: Muss das bestehende System wirklich ersetzt werden oder lässt es sich gezielt ergänzen und schrittweise modernisieren?

Das Kernsystem läuft seit Jahren. Es verarbeitet zuverlässig Daten, bildet zentrale Geschäftsprozesse ab und ist mit zahlreichen anderen Anwendungen verbunden. Niemand möchte daran unnötig etwas verändern.

Und dann kommt eine neue Anforderung.

Kundinnen und Kunden sollen Dokumente künftig selbst über ein Portal einreichen können. Eine neue Schnittstelle wird benötigt. Ein Prozess soll automatisiert werden. Oder regulatorische Vorgaben verlangen zusätzliche Informationen und Nachweise.

Das bestehende System kann das nicht ohne Weiteres abbilden. Ein kompletter Ersatz wäre möglich. Aber teuer, langwierig und mit erheblichen Risiken verbunden. Für viele Finanzdienstleister stellt sich deshalb nicht die Frage, wie sie ihr Kernsystem ersetzen können. Sondern: Wie können wir darum herum modernisieren?

Der erste Reflex ist nicht immer der beste

Wenn Software an ihre Grenzen kommt, klingt eine Ablösung zunächst logisch. In der Praxis hängt an einem Kernsystem aber meist weit mehr als die sichtbare Anwendung. Datenflüsse, Schnittstellen, Berechtigungen, Fachlogik und Prozesse sind über Jahre miteinander gewachsen. Ein kompletter Ersatz bedeutet deshalb nicht nur neue Software. Im schlimmsten Fall müssen gleichzeitig Daten migriert, Schnittstellen neu gebaut, Prozesse angepasst und Mitarbeitende geschult werden.

Das kann richtig sein. Es muss aber nicht der erste Schritt sein.

Drei Möglichkeiten statt eines grossen Neustarts

Wenn ein bestehendes System zuverlässig funktioniert, lohnt es sich zuerst zu prüfen, wo das eigentliche Problem liegt.

1. Eine neue Funktion ausserhalb des Kernsystems aufbauen

Ein typisches Beispiel ist ein Kundenportal. Das bestehende Kernsystem bleibt für Verträge, Stammdaten oder Abrechnungen zuständig. Das Portal übernimmt dagegen die Interaktion mit Kundinnen und Kunden. Entscheidend ist die Verbindung dazwischen. Welche Daten darf das Portal lesen? Welche Informationen darf es zurückschreiben? Was passiert bei einem Fehler? Und welches System führt einen Datensatz? Damit wird aus einem scheinbaren Frontend-Projekt sehr schnell eine Architekturfrage.

2. Einzelne Prozesse herauslösen

Manchmal liegt das Problem nicht im Kernsystem selbst, sondern in einem Prozess daneben. Dokumente werden beispielsweise per E-Mail verschickt, Daten manuell übertragen oder Freigaben über verschiedene Kanäle koordiniert. Dann kann es sinnvoller sein, genau diesen Prozess neu aufzubauen, statt das Kernsystem anzufassen. Das reduziert den Eingriff und kann trotzdem einen grossen Unterschied im Alltag machen.

3. Das bestehende System schrittweise erneuern

Es gibt allerdings auch Systeme, bei denen immer neue Ergänzungen das eigentliche Problem nur verschieben. Wenn Änderungen zunehmend aufwendig werden, zentrale Komponenten nicht mehr unterstützt werden oder niemand mehr zuverlässig einschätzen kann, welche Auswirkungen eine Anpassung hat, wird eine schrittweise Erneuerung interessant. Dabei muss nicht alles gleichzeitig ersetzt werden. Einzelne Komponenten können nacheinander ausgetauscht und über klar definierte Schnittstellen verbunden werden.

Die entscheidende Frage

Welche Aufgabe soll welches System künftig übernehmen? Die Frage klingt banal, ist aber oft der Punkt, an dem sich ein überschaubares Modernisierungsprojekt von einem jahrelangen Grossprojekt unterscheidet. Bevor über Technologien gesprochen wird, sollten deshalb einige Fragen geklärt sein:

  • Welche Prozesse funktionieren heute gut und sollen bleiben?
  • Wo entstehen tatsächlich Probleme?
  • Welche Daten liegen wo?
  • Welche Systeme sind voneinander abhängig?
  • Und welche Anforderungen werden in den nächsten Jahren voraussichtlich dazukommen?

Erst danach lässt sich sinnvoll entscheiden, ob eine Erweiterung, eine neue Schnittstelle, eine zusätzliche Anwendung oder tatsächlich eine Ablösung notwendig ist.

Modernisierung muss nicht heissen, die Welt neu zu erfinden

Gerade bei Finanzdienstleistern ist Stabilität kein Nebenthema. Ein System kann deshalb technisch in die Jahre gekommen sein und trotzdem einen wichtigen Vorteil besitzen: Es funktioniert. Das spricht nicht gegen Modernisierung. Es spricht dafür, genauer hinzuschauen, was überhaupt modernisiert werden muss.

Manchmal ist die richtige Lösung ein neues Portal. Manchmal eine Schnittstelle. Manchmal ein neu aufgebauter Prozess. Und manchmal kommt man nach der Analyse zum Schluss, dass das Kernsystem tatsächlich ersetzt werden sollte.

Die wichtige Entscheidung fällt aber vorher. Wo liegt eigentlich das Problem, das wir lösen müssen? Das ist die wichtigste Frage, um den Prozess zu starten.